Durch konsequentes Impfen das Risiko für Exazerbationen bei COPD reduzieren

Exazerbationen bei COPD (chronic obstructive pulmonary disease) verschlechtern Symptomatik und Lebensqualität, das Risiko für Hospitalisierung, Krankheitsprogression und Tod steigt. Zu den wesentlichen Zielen der COPD-Therapie gehören deshalb Prävention und Reduktion dieser Komplikation. Eine besonders wirksame Strategie sind Impfungen gegen Erreger respiratorischer Infekte, betont PD Dr.Jessica Rademacher, Oberärztin in der Klinik für Pneumologie und Infektiologie und Leiterin des Antiobiotic Stewardship Programms der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) in einem aktuellen Review, erschienen in den EUROPEAN RESPIRATORY REVIEW SERIES. Die Impfrate sei jedoch nach wie vor „suboptimal“, bemängelt die Infektiologin.

COPD ist die dritthäufigste Todesursache weltweit, mit stetig steigender Inzidenz. Kritisch sind akute Exazerbationen (AECOPD), meist hervorgerufen durch respiratorische Erreger. Mindestens drei Viertel der Exazerbationen sind infektiösen Ursprungs, bei 30 Prozent lassen sich die Keime nachweisen. Führend ist Streptococcus pneumoniae, gefolgt von Influenza, SARS-CoV2 und RS-V (Respiratorisches Synzytial-Virus). Zur Prävention der meisten dieser Infektionen stehen Impfstoffe zur Verfügung. „Erst kürzlich wurde von der FDA ein neuer Pneumokokken-Konjugat-Impfstoff zugelassen, mit hoher Immunogenität gegen 20 Serotypen und der Induktion einer robusten Immunantwort“, erläutert Dr. Susanne Simon, Fachärztin in der Klinik für Pneumologie und Infektiologie der MHH und Erstautorin des Reviews. Relevant ist auch die Impfung gegen Influenza, ein Virus, das am zweithäufigsten mit einer akuten schweren COPD assoziiert ist. Mehr als 10 Prozent der Influenzafälle lassen sich bei Patienten mit COPD durch die Impfung verhindern. Allerdings ist die Immunantwort eher schwach, die Wirksamkeit je nach Subtyp variabel. Hochdosis-Impfstoffe und adjuvantierte Impfstoffe, wie sie inzwischen zur Verfügung stehen, können die Impfung effektiver machen. 
Das RS-Virus gilt als eines der wichtigsten viralen Pathogene, das auch eine AECOPD auslösen kann. Erster zugelassener Impfstoffkandidat für Ältere ab dem sechszigsten Lebensjahr war RSVPref3. Inzwischen stehen weitere RSV-Impfstoffe für diese Altersgruppe zur Verfügung. Auch die Impfung gegen SARS-CoV2 lohnt mit Blick auf das AECOPD-Risiko. Sie senkt die AECOPD-assoziierte Hospitalisierung um 50 Prozent, vor allem durch die Gesamtreduktion akuter viraler Infekte.

Das generelle Problem: Die Impfraten sind trotz der bekannt hohen Bedeutung von Impfungen bei chronischen Grunderkrankungen noch immer suboptimal und erreichen nicht die von der WHO angestrebten Ziele. „Alle PatientInnen mit COPD sollten, unabhängig vom Alter, die genannten Impfungen zur Prävention von Atemwegsinfekten erhalten,“ erläutert Professor Dr. Tobias Welte, Leiter der Klinik für Pneumologie und Infektiologie der MHH. Das Review der drei BREATH-Wissenschaftler fasst die Empfehlungen zusammen. So sollte aus ihrer Sicht bei Patienten mit COPD der Impfstatus einmal pro Jahr geprüft werden. Neben den Standardimpfungen gegen Diphtherie/Tetanus/Pertussis ist gegen die genannten respiratorischen Erreger zu impfen, bei Patienten jenseits des 50sten Lebensjahres auch gegen Herpes Zoster. Für die jährliche „Grippe“-Impfung sollte dazu ein Hochdosis- oder ein adjuvantierter, quadrivalenter Influenzaimpfstoff eingesetzt werden, zum Schutz vor Pneumokokken eine Einmal-Dosis PCV20 sowie eine Basisimmunisierung und Boosterimpfung gegen SARS- CoV2 mit einer mRNA Vakzine. „Die Prävention von Atemwegsinfektionen bei COPD ist der Eckpfeiler in der Prophylaxe von Exazerbationen“ resümierte Welte.

S. SIMON ET AL EUROPEAN RESPIRATORY REVIEW SERIES ERR 2023; 32: 230034
Hier geht es zur Originalpublikation: https://err.ersjournals.com/content/32/169/230034.long

 

Text: Beate Fessler / BREATH
Foto: BREATH

(v.l.n.r.) Prof. Dr. T. Welte, PD Dr. J. Rademacher, Dr. S. Simon